Das "lebenslange Alkoholproblem" - ab wann beginnt es und wie genau sieht das aus? Einladung zur ergebnisoffenen Debatte

joost

MPU Profi
Wir kappeln uns ja regelmäßig um die Feststellung eines "lebenslangen Alkoholproblems" und zerschießen Threads damit -
ich würde dem gerne einen eigenen Raum widmen, weils vllt auch wichtig ist.

Aus meiner (bisherigen) Kenntnis ergibt sich:
ja, sowas kommt durchaus häufig vor - und zwar dann, wenn der Alkohol irreversible Spuren im Hirn hinterlassen hat.
Ich würde hier zunächst zwei Variablen ins Spiel bringen:
a) die erlangte Giftfestigkeit, die natürlichen Warnsignale des Körpers sind nicht mehr in Funktion.
b) die Kontrollfähigkeit ist unwiderbringlich hin - und zwar aus hirnorganischer Sicht.

In Abgrenzung dazu würde ich die "Notwendigkeit zu trinken" stellen, bei der Alkohol einen wichtigen Nutzen erfüllt, z.B. das Dämpfen bedrohlicher Emotionen - und zwar unter der Voraussetzung, dass grundsätzlich zumindest die biologische Kontrollfähigkeit noch vorhanden ist. Die erlangte Giftfestigkeit spielt bei dieser Unterscheidung keine wesentliche Rolle mehr, sie ist vielmehr eine Voraussetzung, um am Ende in die Sucht zu rutschen.

Hinsichtlich der Beurteilungskriterien, aber auch der diagnostischen Systeme (ICD / DSM) würde ersteres Abhängigkeit bedeuten, zweiteres Mißbrauch.

Schauen wir genauer hin:
Die Giftfestigkeit (Mengenerhöhung zum Erreichen des gewünschten Zustandes, Gewöhnung des Körpers an Alkohol) führt iDR dazu, dass immer mehr Alkohol zu sich genommen wird, was am Ende zur Zerstörung des Impulskontrollkerns im Hirn führt. Irreversibel. (1). Hin ist hin. Lebenslang. Hier trifft definitiv die Aussage eines "lebenslangen Alkoholproblems" zu. Zudem ist das Dopaminsystem gestört, was Zustände wie "craving" auslöst. Ohne funktionierendes Impulskontrollsystem hat man da kaum eine Chance. Das "Suchtgedächtnis" aufgrund neuronaler Veränderung wird durchaus kontrovers debattiert. Dass es entsteht, ist unbestritten, weil unser Hirn nun mal den ganzen Tag nix anderes tut als Neuronen neu zu vernetzen. Aber: neuronalen Netzwerke verlieren auch wieder ihre Bindungspunkte, wenn sie nicht aktiviert werden. Ob dies auch im Belohnungssystem (Dopaminsystem) stattfinden kann, wird diskutiert. Auch dies könnte ggf ein echtes lebenslanges Problem darstellen.

Wie sieht es mit der Giftfestigkeit aus?
Nach einer Trinkpause berichten die meisten, dass sie wieder geringe Mengen Alkohol deutlich wahrnehmen. Giftfestigkeit ist reversibel. Wenn diese nun im risikoarmen Konsum bleiben, finden die körperlichen Warnsignale wieder statt. Das kann also kein "lebenslanges Problem" sein.

Wie sieht es nun mit Mißbrauch aus, einem Konsum also, der noch nicht zu obigen irreversiblen Schädigungen geführt hat (selbst wenn er quasi immer die Voraussetzung dafür ist)? Alkohol als Lösungsversuch ist durchaus (kurzfristig) erfolgreich. Der einzig sichere Weg, diese Notwendigkeit abzukoppeln, ist, entweder stabile und gute Lösungsalternativen zu finden oder optimalerweise das zugrunde liegene Problem zu beheben (meist bedrohliche Emotionen). Wenn hier gut gearbeitet wird, ergibt sich ebenfalls kein "lebenslanges Alkoholproblem" - bestenfalls ein "Ursprungsproblem-langes Alkoholproblem" - zumindest solange, wie es sich nicht zur Sucht entwickelt. (2/3)

Ich würde daher dafür plädieren, ein lebenslanges Alkoholproblem nur dann zu formulieren, wenn diagnostisch sichergestellt ist, dass es - aus obigen Gründen - auch wirklich eins ist.
Die aktuelle Studienlage weist darauf hin, dass - zumindest solange die benötigten Hirnbereiche noch nicht zerschossen sind - kontrolliertes Trinken mindestens so stabil und erfolgreich ist wie Abstinenz, in vielen Fällen deutlich überlegener. (5)

Soderle - zur Diskussion freigegeben, bitte mit Quellenangaben für Meinungen :)

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Quellen:
1)refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/5455
2) www.rosenfluh.ch/media/psychiatrie-neurologie/2014/01/Alkohol_und_Trauma.pdf
3) www.univadis.de/viewarticle/cope-methode-frauen-trauma-und-alkoholmissbrauch-doppelt-2025a1000jsg
4) journals.sagepub.com/doi/10.1177/1524838010381252
5) www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/s-2005-867047?innerWidth=412&offsetWidth=412&device=desktop&id=&lang=de
 
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