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FB Alkohol Wiederholungstäter 2,8 ./.

Guten Morgen, ich möchte noch etwas ergänzen, vielleicht wird dann zumindest der rote Faden sichtbarer…

Schon in meiner Kindheit habe ich früh gelernt zu funktionieren und selbstständig zu sein. Mein Bruder, der nur anderthalb Jahre jünger ist, wurde deutlich mehr umsorgt und begleitet. Ich hatte eher das Gefühl, stark sein zu müssen und Erwartungen erfüllen zu sollen.

Meine Eltern waren sehr streng. Rückblickend ging das hauptsächlich von meiner Mutter aus, mein Vater zog eher mit. Gute Noten, ein perfekt aufgeräumtes Zimmer und angepasstes Verhalten waren selbstverständlich. Wenn etwas nicht so lief wie erwartet, gab es auch Gewalt. Wenn mein Zimmer nicht ordentlich genug war, wurde beispielsweise sogar der Mülleimer auf meinem Bett ausgekippt. Streit zwischen meinen Eltern habe ich ebenfalls oft mitbekommen. Ich habe bei diesen Streitigkeiten häufig gelauscht und vieles auf mich bezogen. Als Kind hatte ich oft das Gefühl, schuld zu sein oder nicht gut genug zu sein. Gleichzeitig hatte ich häufig den Wunsch, einfach nicht da zu sein.

Ich weiß heute, dass ich schon früh versucht habe, immer alles richtig zu machen. Ich wollte niemanden enttäuschen und möglichst keinen Anlass für Streit oder Kritik geben. Dadurch entwickelte sich bei mir ein starker innerer Druck, funktionieren zu müssen.

Es gab in meiner Kindheit auch Gewaltausbrüche von meiner Mutter und teilweise auch von meinem Bruder. Dass es mir damit nicht gut ging, fiel sogar einer Sportlehrerin auf, die mich darauf ansprach.

Wo ich nicht selbstständig war, war beim Essen. Mir wurde damals oft erzählt, dass ich schon als Baby nicht richtig essen wollte, nicht schmusen wollte und bereits gekratzt hätte. Innerlich begann ich mir später schon während der Schulzeit kleine Bereiche der Selbstbestimmung zurückzuholen. Ein Beispiel dafür war das Essen. Ich wollte irgendwann selbst entscheiden, was ich esse und was nicht. Mein Schulbrot oder Mittagessen landete deshalb oft bei den Hühnern, während ich mir von meinem Taschengeld lieber etwas am Schulkiosk kaufte. Rückblickend sehe ich darin einen frühen Versuch, wenigstens über kleine Dinge selbst bestimmen zu können.

Mit ungefähr 13 habe ich immer weiter abgenommen und schleichend eine Bulimie entwickelt. Heute verstehe ich, dass es dabei nicht nur ums Essen ging. Es war eher mein Versuch, Kontrolle über mich selbst zu bekommen und irgendwie mit innerem Druck, Erwartungen und Gefühlen umzugehen. Ich war nie dick.

Ich erinnere mich außerdem daran, dass ich mich schon früh „anders“ gefühlt habe. Freunde hatte ich kaum. Die Kinder, zu denen ich dazugehören wollte, durften wegen ihrer Konfession keinen Kontakt zu mir haben. In der Grundschule war ich eher Außenseiterin.

Ein großer Teil meiner Kindheit bestand aus Leistung und Funktionieren. Mein Vater lebte sein Hobby teilweise über uns Kinder aus. Ich begann bereits mit etwa fünf Jahren Kart zu fahren. Anfangs auf einem selbstgebauten Kart mit Rasenmähermotor, später mit richtiger Ausrüstung und regelmäßigen Wettkämpfen. Fast jedes Wochenende ging es zu Turnieren, bei denen Leistung erwartet wurde. Dabei musste ich mich nicht nur mit meinem Bruder, sondern auch mit anderen Kindern messen.

Für mich war das weniger ein lockeres Hobby, sondern eher mit Druck verbunden. Gleichzeitig verstärkte es mein Gefühl, anders zu sein. Während andere Mädchen Volleyball spielten oder mit Freundinnen unterwegs waren, verbrachte ich meine Wochenenden auf Turnieren. Zu meiner Zeit gab es außerdem noch Samstagsschule und sonntags Wettkämpfe. Rückblickend blieb wenig Raum für Leichtigkeit oder einfach Kind sein.

Auch privat habe ich früh Verantwortung und Belastungen wahrgenommen. Meine Geburtstage im Winter fanden wegen der Krankheit meines Opas oft im Krankenhaus statt. Insgesamt verbinde ich meine Kindheit deshalb wenig mit Unbeschwertheit, sondern eher mit Druck, Leistung und dem Gefühl, Erwartungen erfüllen zu müssen.

Ich glaube heute, dass ich dadurch nie richtig gelernt habe, eigene Gefühle, Überforderung oder Grenzen gesund wahrzunehmen und auszusprechen. Vieles habe ich eher ausgehalten und mit mir selbst ausgemacht. Genau dieses Muster hat sich später auch in meinem Erwachsenenleben und letztlich im Umgang mit Alkohol wieder gezeigt.


Vielleicht wird nun auch deutlicher, warum ich eine DBT Therapie gemacht habe.
 
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Liebes Julchen,

ich möchte, dass du weißt, warum ich bzgl. Fr.12 so hartnäckig war.
Wir haben dich ja kennenlernen dürfen, deine Geschichte, deine Gefühle über die Jahre hinweg und dein Leiden und deine Wiederauferstehung.

Der GA weiß das alles aber nicht.

Ich möchte nur von ganzem Herzen, dass du -auch- die MPU positiv beschließt.

Herzliche Grüße,
Karl-Heinz :smiley138:
 
Hallo Karl-Heinz,
ich freue mich sehr über deine Kritik und den Finger in die Wunde. Du weißt ja schon, dass du und auch @joost euren Teil zu meiner positiven Entwicklung beigetragen habt. Ihr seid ein Teil vom großen Ganzen, was mich meine Geschichte verarbeiten lassen hat. Ich bin auch euch sehr dankbar.
 
Für mich gibt es heute viele Parallelen zwischen der damaligen Essstörung und meinem späteren Alkoholismus. Dieses Heimliche, das Verstecken, die Scham und nach außen trotzdem funktionieren. Lange bin ich mit beiden Verhaltensweisen irgendwie durchgekommen. Ich könnte dazu heute noch stundenlang Beispiele nennen.

Ich glaube nicht, dass ich jemals ein klassisches Freundinnen-Verhältnis zu meiner Mutter haben werde oder dass meine Eltern meine kindliche Leidensgeschichte wirklich vollständig verstehen können. Aber ich habe damit Frieden geschlossen.

Ich bin meinem Vater sehr dankbar, dass er mich zur Arbeit fährt. Gerade diese Fahrten haben uns viel Zeit zum Reden gegeben. Ich konnte dabei vieles aufarbeiten und innerlich „aufräumen“. Gleichzeitig akzeptiert meine Mutter heute meine Grenzen deutlich mehr. Ich muss mich mit 45 Jahren nicht mehr täglich melden oder ständig erreichbar sein.

Ja, sie haben eine Tochter, die alkoholabhängig ist. Vielleicht werden sie das nie ganz nachvollziehen können, weil ich trotz allem viele Jahre weiter funktioniert habe. Bis zu diesem Bruch. Und so schlimm dieser war, muss ich heute sagen: Genau dieser Bruch hat mir letztendlich das Leben gerettet.
 
Und selbst wenn der Gutachter sagt: „Die zweite Chance hatten Sie doch damals schon — warum haben Sie sie nicht genutzt?“, kann ich das heute ehrlich beantworten.

Damals war ich nicht wirklich ehrlich — weder zu anderen noch zu mir selbst. Ich habe vieles ausschließlich auf meine Gewalterfahrungen geschoben und dabei die eigentlichen Zusammenhänge meiner Sucht nicht verstanden. Ich dachte lange, dass es reicht, einfach nicht zu trinken. Innerlich hatte ich aber viele Dinge noch gar nicht aufgearbeitet und war emotional noch nicht so weit wie heute.

Genau deshalb ist mein heutiges Sicherungsnetz für mich so wichtig. Meine Struktur, die Selbsthilfegruppe, die Gespräche, meine Achtsamkeit und der bewusste Umgang mit mir selbst sind keine kurzfristigen Maßnahmen mehr, sondern feste Routine geworden.

Der große Unterschied zu früher ist: Ich muss nichts mehr verstecken und mich nicht mehr dafür schämen, Hilfe zu brauchen oder alkoholabhängig zu sein.

Klar macht mich das manchmal auch wehmütig, dass es erst so weit kommen musste. Aber ich kann das heute akzeptieren. Ich kann die Vergangenheit nicht mehr ändern, aber ich kann Verantwortung dafür übernehmen und es für meine Zukunft besser machen, vor allem für mich selbst.
 
Ja natürlich, dass entspricht auch wahrscheinlich jetzt eher meinem Wunschverhältnis, vielleicht habe ich auch hier wieder zu sehr auf andere geschaut. Habe ein Beispiel aus meinem Freundeskreis im Kopf.

Letztendlich kann ich heute sagen, dass wir einfach in vielen Bereichen zu verschieden sind. Ich glaube, ein zu enges Verhältnis würde zwischen uns nie wirklich funktionieren. Mit genügend Abstand klappt es mittlerweile eigentlich ganz gut. Aber sobald es zu eng wird, merke ich schnell, dass mich das innerlich wieder anspannt. Heute kann ich das erkennen und meine Grenzen besser setzen. Ich bin fein damit.
 
liebes julchen warst du etwa in meinem Elternhaus ? Bei mir war es ganz genau so. Immer auf mich alleine gestellt, für andere Verantwortung übernehmen ( Geschwister) mit 15 raus - allerdings ins Heim.
Ich habe eine große Resilienz daraus entwickelt und im Gegensatz zu dir immer den sehr starken Wunsch nach Autonomie und Unabhängigkeit (im Beruf selbständigkeit und Erfolgs getrieben, in der Beziehung wenn ich eine hatte keine Kinder und finanzielle Unabhängigkeit)

Interessant was so über unsere Abstinenz ans Tages Licht kommt. Danke das du uns so in dein Leben lässt!
 
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