Hallo zusammen,
Was hat sich zwischen euch verändert, dass du ihm heute genau die Schwäche zeigen kannst, die früher nicht sein durfte?
Wir sind beide älter geworden. Ich habe schon vor Monaten ganz offen mit ihm über dieses gesamte Thema gesprochen. Er akzeptiert heute vollkommen, dass ich nicht immer gewinnen kann, dass man auch mal versagt und dass es ganz normal ist, nicht perfekt zu sein. Außerdem müssen wir uns gegenseitig nichts mehr beweisen.
Er nicht, weil er weiß, was er in seinem Leben geschafft hat, heute viel auf Reisen ist und einfach sein Leben genießt. Und ich nicht, weil ich die Erkenntnis erlangt habe, dass ich ein eigenständiger Mensch bin. Ich muss ihm nichts mehr beweisen, um ihm zu gefallen.
Woran würdest du merken, dass jetzt auch eine von den beiden stabilen Säulen anfängt zu wackeln?
Ich würde das sofort daran merken, wenn ich wieder versuche, der starke, perfekte Mann zu sein. Wenn ich wieder meinen würde, ich sei besser als andere, und Leuten etwas beweisen müsste, um Bestätigung zu erhalten.
Das wäre das erste Warnzeichen. Oder wenn ich anfangen würde, mich in Sachen hineinzusteigern, stundenlang darüber nachzugrübeln und eine Lösung für ein Problem mit Gewalt erzwingen zu wollen.
Um das zu verhindern, setze ich heute eben nicht mehr alles stur auf den QM-Titel, sondern wiege Ausweichmöglichkeiten ab. So sorge ich dafür, dass die Säule erst gar nicht fällt und keine Kettenreaktion auslöst.
Was hält dich aber stabil, wenn die gerade mal nicht da sind oder selber Probleme haben?
Ich mich selber.
Ich habe durch meine eigenen Taten und Entscheidungen extrem viel erreicht.
Ich lebe seit 6 Jahren konsequent abstinent, bin jetzt seit 2 Monaten komplett rauchfrei und besitze die Akzeptanz, zu wissen, dass ich nicht perfekt sein muss. Darauf bin ich verdammt stolz.
Durch diese gewonnenen Erkenntnisse über mich selbst sehe ich heute auch die Probleme anderer anders. Wenn meine Eltern oder mein Sohn mal keine Zeit haben, mir zuzuhören, oder selbst Sorgen haben, gehe ich in den Verteidigungsmodus? Nein.
Ich frage kurz
Was ist denn bei dir los, kann ich dir vielleicht helfen? Und wenn sie das verneinen, akzeptiere ich das vollkommen. Dann reden wir eben später darüber, wenn sie die Sachen mit sich selbst geklärt haben.
Wo ist für dich der Unterschied zwischen Frust aushalten und ihn wieder in dich reinfressen?
Aushalten bedeutet heute für mich, es einfach zuzulassen, dass ich mich in dem Moment beschissen und vielleicht auch mal schwach fühle.
Es ist ganz normal, nicht immer sofort das perfekte Ergebnis hinzulegen.
Hineinfressen würde für mich bedeuten, dass ich diese Schwäche mit künstlicher Stärke überspiele. Ich würde dann wieder versuchen, den Starken zu spielen, der immer alles perfekt im Griff hat, während es drinnen brodelt.
Aber was ist, wenn tief durchatmen, Musik aus und umdenken mal nicht reichen? Was machst du dann, wenn du innerlich trotzdem noch bei 80 von 100 bist und merkst, jetzt wirds langsam kritisch?
Das ist eine verdammt schwierige Frage!
Die ehrliche Antwort, die mir zuerst in den Kopf kommt, ist
Ich weiß es gerade im ersten Moment nicht genau
Aber wenn ich logisch darüber nachdenke, ist mein realer Plan. Ich würde sofort an den nächsten Rastplatz oder Parkplatz fahren und das Auto erst mal stehenlassen. Ich würde definitiv nicht weiterfahren, um mich und andere nicht zu gefährden. Ich weiß aus meiner Vergangenheit ganz genau. Wenn die Kontrolle über mein Handeln verloren geht, kann es böse enden.
Woran würdest du heute merken, dass aus Stress, Frust oder Wut wieder richtiger Suchtdruck wird? Und was würdest du dann zusätzlich machen?
Suchtdruck würde bedeuten, dass ich plötzlich wieder daran denke, dem Stress und dem Druck durch Betäubung entfliehen zu wollen.
Ich habe den Drogen und dem Alkohol aus tiefster Überzeugung abgeschworen. Es ist fest in mir verankert, dass ich das absolut nicht mehr will, weil dadurch schreckliche Dinge in meinem Leben passiert sind. (Nicht der Alk+Drogen sind Schuld sondern Ich selber).
Ich weiß heute, dass Sucht ein schleichender Prozess ist, der eine Säule nach der anderen zum Einsturz bringt. Sollte dieser Gedanke an Alkohol oder Drogen als Erleichterung aber doch jemals wieder anklopfen, schlagen alle Alarmglocken an. Ich würde mir sofort professionelle Hilfe holen und sogar eine ambulante oder stationäre Therapie in Betracht ziehen, soweit bin ich schon.
Ich werde nie wieder alles auf die leichte Schulter nehmen oder nichts tun denn genau das hat mich damals erst an diesen Punkt gebracht.
Was ist heute anders, dass du das machen könntest, ohne dass dein altes Leistungsdenken dir sagt: Jetzt hast du versagt?
ich akzeptiere das heute vollkommen und ziehe es ganz fest in Betracht, um die Zeit der Arbeitslosigkeit sauber zu überbrücken.
Natürlich muss es finanziell auch irgendwie passen, was momentan schwierig ist.
Ich habe in dieser Richtung noch nicht viel unternommen, weil mir bis zum MPU-Termin noch etwas Zeit bleibt. Aber das Wichtigste in meinem Kopf ist Bevor die Säule Arbeit komplett zusammenbricht, habe ich diese Ausweichmöglichkeiten im Maschinenbau oder Weiterbildung fest im Kopf und bin mir für diese Arbeit absolut nicht zu schade.
Mein Wert als Mensch hängt nicht mehr an der Visitenkarte Manager Lupsky.
magst Du hier mal genauer werden? Frust ist ja nur eine Überschrift, eine Wortblase ... worum genau geht es da? Was genau ist zu fühlen?
Wenn ich ganz genau hinschaue.
Frust bedeutet für mich, dass ich unzufrieden mit einer aktuellen Situation bin und mit aller Macht und meinem alten Königdenken versuchen will, dies sofort zu ändern.
Wenn das nicht klappt, staut sich der Frust immer weiter auf, bis ich explodiere. Und was fühle ich in der Millisekunde kurz vor dem Ärger, wenn man mit der Lupe hinschaut?
Es ist das Gefühl, völlig wertlos und schwach zu sein, weil ich zum Beispiel gerade keinen Job in meinem gelernten Bereich habe.
Dieses schmerzhafte Gefühl von Wertlosigkeit habe ich früher sofort in Wut und Ärger umgewandelt, um mich wieder stark zu fühlen. Genau das war das Inhineinfressen. Heute mache ich diesen Fehler nicht mehr. Ich akzeptiere heute radikal, dass dieses Gefühl der Hilflosigkeit in dem Moment da ist. Ich halte es aus, steigere mich nicht hinein und rede offen darüber, anstatt es mit Wut zu kompensieren. Außerdem habe ich ja Ausweichmöglichkeiten mich der Situation zu entziehen.
Viele Grüße,
Lupsky